Die Orgel der St.-Aegidien-Kirche

Nachdem die Stadtkirche St. Aegidien unter großen Opfern der Gemeinde nach dem großen Stadtbrand von 1842 wieder aufgebaut und 1849 geweiht worden war, konnte auch an die Errichtung einer neuen Orgel gedacht werden. Damit wurde die Fa. Karl Gottlieb Jehmlich & Söhne aus Zwickau beauftragt. Das Orgelwerk ist also die siebente Orgel in St. Aegidien und bestand zum Zeitpunkt der Erbauung aus zwei Manualen und Fußpedal. Das Instrument besaß 44 klingende Register und bestand aus 2597 Pfeifen. Das Orgelgehäuse, welches in seiner ursprünglichen Form heute noch steht, wurde dem neugotischen Kirchenbau meisterhaft angepaßt. Für die Errichtung des neuen Instrumentes wurde mit der Orgelbaufirma per Kontrakt eine Summe von 6000 Talern zur Kostendeckung ausgehandelt. Eine stattliche Summe, wenn man bedenkt, daß der damalige Superintendent Dr. Liebe ein Jahresgehalt von 197 Talern, 25 Neugroschen und 6 Pfennigen bezog. Die Orgelabnahme wurde durch den Dresdner Hoforganisten Johann Schneider am 31. Mai 1851 durchgeführt und endete mit dem Urteil, daß die Fa. Jehmlich ein klanglich hervorragendes Werk gefertigt habe. Mit einem Festgottesdienst und einem nachmittäglichen Konzertprogramm wurde die Orgel dann am Sonntag Exaudi (1. Juni) 1851 geweiht. Dieses Ereignis wurde in der ganzen Stadt gebührend gefeiert. Viele umliegende Gastwirte veranstalteten Bälle und Tanzmusiken zum „Feste der Orgelweihe“. Nachdem nun diese Orgel ihrer Gemeinde mehr als achtzig Jahre treu gedient hatte, machte sich eine gründliche Erneuerung dringend notwendig. Die alte Mechanik war im Laufe der Jahre klapprig geworden und erzeugte während des Spielens störende Geräusche. Deshalb beschloß der Kirchenvorstand im Jahre 1933 eine grundlegende Modernisierung der Orgel. Das Werk erhielt nun ein elektro-pneumatisches System, welches die mechanische Spieltraktur einsparte. Der dadurch gewonnene Raum in der Orgel wurde dazu genutzt, diese zu vergrößern und durch ein drittes Manual und weitere Register zu ergänzen. Ausgeführt wurden diese Arbeiten von der Orgelbaufirma Gebrüder Jehmlich aus Dresden. Die neue Orgel besteht seitdem aus 58 klingenden Registern und 29 Spielhilfen. Sie enthält 3900 Pfeifen. Davon sind 240 aus Holz, 180 aus Zink, 20 aus Kupfer und 3460 aus Zinn. Die damaligen Umbaukosten betrugen 22 230 Reichsmark. Die Prüfung und Abnahme führte am 22.Dezember 1933 der Orgelbausachverständige Karl Hoyer, der Organist zu St. Nikolai in Leipzig war, durch. Die feierliche Einweihung erfolgte mit einem Festgottesdienst am 1. Januar 1934. Die Mischungsmöglichkeiten der vielen Klangfarben der Orgel sind nahezu unerschöpflich und erreichen die Menge einer 17-stelligen Zahl. Damit müsste ein Organist das Alter von etwa 300 Jahren erreichen, wenn er jede erdenkliche Klangkombination wenigstens einmal spielen möchte. Das Werk gestattet es, Orgelkompositionen aller Zeiten, von vorbachschen Meistern bis zu Reger und Gegenwartskompositionen stilistisch einwandfrei zum Erklingen zu bringen. Oschatz besitzt damit eines der wertvollsten Orgelwerke Sachsens. Möge die Königin der Instrumente, nach neuerlicher Generalüberholung, wieder viele Jahrzehnte erklingen und die Kirch- und Konzertgemeinde begleiten und erfreuen.

Lutz Naake

 

 

Disposition


Hauptwerk (C - a'")

1 Principal 16'
2 Principal 8'
3 Gambe 8'
4 Rohrflöte 8'
5 Gemshorn 8'
6 Oktave 4'
7 Spitzflöte 4'
8 Quinte 2 2/3'
9 Oktave 2'
10 Cornett 4-5 fach
11 Mixtur 5 fach
12 Trompete 8'
13 Fagott 16'
Oberwerk (C - a'")

14 Quintatön 16'
15 Principal 8'
16 Nachthorn 8'
17 Praestant 4'
18 Blockflöte 4'
19 Spitzquinte 2 2/3'
20 Piccolo 2'
21 Terz 1 3/5'
22 Superoktave 1'
23 Cymbel 3-4 fach
24 Krummhorn 8'

Schwellwerk (C - a'")

25 Bordun 16'
26 Principal 8'
27 Salicional 8'
28 Quintatön 8'
29 Gedackt 8'
30 Aeoline 8'
31 Vox coelstis 8'
32 Oktave 4'
33 Rohrflöte 4'
34 Nasat 2 2/3'
35 Waldflöte 2'
36 Quinte 1 1/3'
37 Terzflöte 1 3/5'
38 Septime 1 1/7'
39 None 8/9'
40 Mixtur 4 fach

Pedal (C - f')

41 Principal 32'
42 Principal 16'
43 Violon 16'
44 Subbaß 16'
45 Echobaß 16'
46 Oktave 8'
47 Cello 8'
48 Baßflöte 8'
49 Oktave 4'
50 Flauto dolce 4'
50 Flautino 2'
50 Mixtur 4 fach
50 Posaune 32'
50 Posaune 16'
50 Trompete 8'
50 Clarino 4'

Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P

Spielhilfen: Generalkoppel für Hand und Fußbetätigung, 3 freie Kombinationen, Schwelltritt, Crescendowalze mit Absteller, Druckregister ab, Zungenregister ab, Tutti-Pedal, Piano-Pedal, Manual 16' ab.