Geschichte

Die Stadt Oschatz wird weithin sichtbar gekrönt durch ihre Stadt- und Pfarrkirche St. Aegidien. Sie wurde dem heiligen Aegidius, einem der 14 Nothelfer und Schutzpatron der Ackerbauern, Jäger und Händler geweiht. Der Bezug auf die Händler war nicht von Ungefähr gewählt, denn die Lage an der hohen Straße „via regia“ begünstigte die Entwicklung von der Kaufmannssiedlung, an einer Furt durch die Döllnitz gelegen, zur Stadt in Sachsen. Die erste sichere Nennung als Stadt erfolgte in einem Ablassbrief des Meißner Bischofs Conrad im Jahre 1246. Kirchlich unterstand Oschatz bis zur Reformation dem Bistum Meißen, das Archidiakonat der der Domprobstei, und war Sitz eines Erzpriesters. Allerdings überließ Markgraf Wilhelm bereits 1386 das Patronatsrecht der Stadtkirche, der Bürgerschaft von Oschatz.

Die Ursprünge der Oschatzer Kirche liegen vermutlich in einem hölzernen Bau, der aber geschichtlich nicht nachweisbar ist. Bereits in der zweiten Hälfte des 12. Jhdt. befestigte der Markgraf Otto der Reiche den Marktort Oschatz mit einer doppelten Stadtmauer. Dies gibt Grund zu der Annahme, dass in dieser Zeit auch eine erste Steinkirche erbaut wurde, die bis zur Zerstörung durch die Hussiten im Jahre 1429 Bestand hatte. Kriegseinwirkungen und Brände zerstörten die Kirche im Laufe der Geschichte vielfach und veränderten so immer wieder ihr Erscheinungsbild. Bestandteile aller Bauepochen sind überall im Baukörper zu finden und dokumentieren so die Geschichte.

Nach dem letzten Stadtbrand 1842 erhielt die St. Aegidien-Kirche ihr heutiges Aussehen. Der Architekt und königlich bayrischer Konservator Carl Alexander von Heideloff leitete den Wiederaufbau von 1842 bis 1849 und errichtete die Kirche im Stile einer klassizistisch beeinflussten Neogotik. St. Aegidien ist eine dreischiffige Hallenkirche mit fünf Jochen. Der neugotische Ausbau der alten Doppelturmfront im Westen und die Gewölbe des Langhauses gehören zu den Ergänzungen Heideloffs. Die schlank wirkenden Westtürme von 75 Metern Höhe enden in von gotischem Maßwerk durchbrochenen Pyramidenhelmen aus Sandstein.
Das Langhaus ist durch fünf Portale gegliedert, wobei das östliche Südportal dem 15. Jhdt zuzurechnen ist.

In dem langgestreckten Hauptchor mit seinem 5/8 Abschluss und den beiden Nebenchören blieben die Stern- und Kreuzrippengewölbe des Vorgängerbaus erhalten. Der interessanteste Bauteil der Kirche ist der nach 1460 entstandene Chorunterbau. Die sogenannte Krypta ist ein achteckiger, nach fünf Seiten offener Raum. Das Gewölbe ist sternförmig und geht von einer stämmigen Mittelsäule aus. Verschlossen ist diese Krypta mit prächtigen schmiedeeisernen Gittern, die in Oschatzer Werkstätten entstanden.

Im Innenbereich der Kirche teilen achteckige schlanke Säulen, mit sternförmigem Querschnitt, die fünfjochige Halle von den Seitenschiffen ab. An der Westwand steht einen zweigeschossige steinerne Empore, deren untere Etage gegenüber der oberen etwas zurückgesetzt ist und allgemein als Seminarempore benannt wird. (Auf ihr nahmen früher die Mitglieder des Oschatzer Lehrerseminars Platz.) Die obere und auch breitere Empore trägt die Orgel und bietet Platz für Musiker und die Kantorei. Die Orgel ist ein Werk des Orgelbaumeisters Carl Gottlieb Jemlich aus Zwickau und wurde 1851 eingeweiht. Zur Zeit ihrer Erbauung besaß die Orgel 2 Manuale und Pedal mit 45 Registern und 2642 Pfeifen. 1933 wurde sie noch einmal durch die Firma Jemlich (jetzt mit Sitz in Dresden) erweitert. Sie besitzt seither 3 Manuale und Pedal mit 57 Registern und 3772 Pfeifen. Das Gehäuse des Instrumentes ist dem Stil des Kirchenraumes genauso meisterhaft angepasst wie auch der Altar und die Kanzel. Sie alle gehen auf die Entwürfe des Architekten Carl Alexander von Heideloff zurück.

Der Altar und auch die Kanzel sind beide hervorragende neugotische Arbeiten aus Nürnberg, dem Arbeitssitz von Heideloff. Der raumbeherrschende Altar folgt in seinem Aufbau dem Schema des mittelalterlichen Flügelaltars, besitzt aber tatsächlich keine beweglichen Altarflügel. In der Predella ist das letzte Abendmahl von Jesu mit seinen Jüngern zu sehen. Darüber eine ungewöhnliche Lösung: Statt eines Mittelschreins ist ein spätgotisches Kruzifix vor dem Hintergrund eines Bleiglasfensters eingefügt, welches das Geschehen des Karfreitag zeigt. (Maria und Johannes knien unter dem Kreuz in einer Landschaft und über den Kreuzbalken schweben Engel mit Spruchbändern.) Rechts und Links in den Altarflügeln wird der Mittelteil von je zwei Malereien flankiert. Sie zeigen Gemälde der Evangelisten mit ihren Symboltieren, auf Goldgrund. Die Krone des Altars besteht aus durch- brochenem Rankenwerk mit einer Kreuzblume als Spitze, ähnlich der Kanzel. Die Kanzel befindet sich an der linken Seite des Triumphbogens und nutzt dadurch den günstigsten Platz für die Verteilung des Schall im Raum. Ein hoher und meisterhaft ausgeführter Kanzeldeckel dient dem gleichen Zweck. Die Brüstung und das Geländer tragen die Figuren der zwölf Apostel, nach dem Vorbild der Figuren am Sebaldusgrab in Nürnberg.

Die Kanzel und auch der Altar weisen zwar gotische Elemente als Schmuck auf, betonen aber die klassizistische Denkweise des des Architekten. Ähnlich verhält es sich mit den Altarfiguren, die von Heideloff selbst gemalt worden sind, und sehr stark an klassische Porträtmalerei erinnern. Damit steht Heideloff in unmittelbarer Nachfolge seines großen Vorbildes Karl Friedrich Schinkel.

Der Taufstein ist eine Arbeit des Steinmetz August Träger aus Dresden und wurde 1849 gefertigt. Er hat die Form eines Kelches, dessen acht Seiten mit gotischen Ornamenten reich verziert sind.

Die fünf Fenster um den Altar stehen als Symbol für die fünf Wunden Christi und wurden 1858 von Carl Samuel Scheinert, nach Entwürfen von Prof. Julius Hübner gefertigt.

Das Mittelfenster trägt nur im oberen Teil schmückende Glasornamente, um den Lichteinfall für das Altarfenster nicht zu schmälern. Rechts und Links vom Altar zeigen die Buntglasfenster zwölf Apostel mit ihren jeweiligen Attributen. Das daran anschließende Nordfenster zeigt den Zwölfjährigen Jesus im Tempel und das gegenüber liegende Südfenster die Segnung der Kinder durch Christus. Zwei weitere Fenster im Langhaus sind 1900 entstanden und beachtenswerte Werke des Jugendstils. Thematisch widmet sich das Nordfenster der Darstellung von Luther auf dem Reichstag in Worms und das Südfenster dem gefangenen Paulus in Rom. Der Triumpfbogen über dem Altarchor wird von einem raumgreifenden Fresco geschmückt, welches beim Betreten der Kirche sofort ins Auge fällt. Der aus Dresden stammende und in Berlin lehrende Maler Prof. Carl Heinrich Hermann wurde mit der Ausmalung des Triumpfbogens betraut. Mit der „Bergpredigt“ schuf er in sehr frischen Farben ein weiteres Werk des Klassizismus in der St.-Aegidien-Kirche, welches 1850 vollendet wurde. Dargestellt ist Christus, der sitzend die Seligpreisungen predigt. Neben ihm stehen seine Jünger und das Volk hat sich zu seinen Füßen gelagert.

Insgesamt gesehen steht die St.-Aegidien-Kirche in Oschatz als eine Besonderheit der sächsischen Sakralarchitektur vor uns. Sie ist keine der vielen neugotischen Kirchen, sondern eine , die zwar gotische Formen in unglaublicher Vielfalt aufweist, aber der klassischen Architektur des 19. Jhdt. verpflichtet ist. Der klassizistische Neugotiker Carl Alexander von Heideloff hat mit dieser Kirche einen nahezu einmaligen Sakralbau geschaffen, wie es ihn in dieser Dimension ein zweites Mal in Sachsen nicht gibt.